Die Brennnessel ist für mich der Inbegriff von Gesundheit und so wird sie auch genannt: die Mutter der Gesundheit, eine der nahrhaftesten Pflanzen auf dieser Erde. Sie ist die am stärksten konzentrierte Pflanzenquelle von Eisen und Chlorophyll und auch reich an Protein, Selen, Magnesium, Kalium, Kalzium, Vitaminen A, C, D und K. Und noch mehr: Sie ist ein Segen bei Erschöpfung oder Anämie und unterstützt im Falle einer Unterfunktion der Schilddrüse, Nebennieren-Erschöpfung, Prostatakrebs, Harnwegsinfekt und allergischer Rhinitis.

    Meine Großmutter wusste von vielen Rezepturen, einige hat sie aufgeschrieben, andere mir einfach als Kind mündlich weitergegeben. Und ich war in meiner Kindheit natürlich für alle Experimente bereit und so habe ich im Alter von etwa neun Jahren meine erste Brennnessel-Massage an den schmerzenden Arthrose-Gelenken des Vaters meiner besten Freundin ausprobiert. Das Reiben und leichte Peitschen mit den kaum vorbehandelten Brennnesseln muss wohl ganz schlimm gebrannt haben, aber die erste Heilmassage meines Lebens soll wohl die Gelenkschmerzen gelindert haben (oder haben die einen Schmerzen – die der Hautbläschen – die anderen nur überdeckt?). Der Vater meiner Freundin hat mich und die Behandlung nie vergessen.

     

    Viele Jahre später in den Anden erlebte ich die Brennnessel aus einer anderen Sicht: Traditionell gab es in den Anden keine Gefängnisse und Straftaten wurden auf eine andere Art bestraft. Der gefasste Dieb oder Friedensbrecher wurde vor der gesamten Gemeinde mit Brennnesseln ausgepeitscht, um Körper und Seele von Unheil, bösen Geistern und zerstörerischen Gedanken zu befreien. Die Harmonie von Körper, Energie und Geist des Beschuldigten wurde auf diese Weise wiederhergestellt. Aber auch in unserem Kulturkreis wurde das tägliche Peitschen mit Brennnesseln empfohlen: Dr. Georg Friedrich Most (1794 bis 1845), z.B. um die „Nervenkraft, Empfindung und Bewegung von gelähmten Körperteilen“ zu unterstützen. Nicht zuletzt empfahl Most für Männer mit „nächtlichem Harnverhalten“ diese Prodezur am nackten Gesäß durchzuführen.

    Brennnesseln gelten auf der ganzen Welt als Nahrung und Medizin. In der tibetischen Tradition und Medizin spielt die Nessel eine wichtige Rolle. Oft werden sie in Verbindung mit Jetsün Milarepa gebracht, einem der berühmtesten tantrischen Meister und Dichter Tibets. Der bedeutendste Yogi Tibets meditierte mehr als zwölf Jahre im kalten Hochgebirge und ernährte sich ausschließlich von einer Suppe aus Brennnesseln und Kräuter, die seine Haut grünlich verfärbten. Seine Gedichte lese ich oft abends vor dem Einschlafen. Das auf Französisch verfasste Buch ist das erste Werk, das mir mein Lehrer Lama Sherab Dorje empfahl, als ich beschloss, mich der Tibetischen Medizin zu widmen.

     

     

    Im Frühjahr verhelfen uns die Brennnesseln, die kalte, träge und schwere Bedken-Energie aus der späten Winterzeit und dem Anfang der Frühlingszeit loszuwerden. Grade wenn der Schnee schmilzt und die Flüsse anschwellen, wächst in uns die Bedken-Energie und somit mehr Feuchtigkeit und Schleim in uns. Leichte Nahrung, also beruhigende und reinigende Bedken-Nahrung wie gedämpftes Gemüse, Quinoa (nächstes Rezept und im Kochkurs) oder Mung-Dal, brauner Reis. Nesseln sind eine ausgezeichnete Wahl, sie nähren das Blut und zur gleichen Zeit reinigen sie es.

     

     

    Und noch einige Worte zu Bärlauch. Schon die Kelten wussten von der reinigenden Kraft des Bärlauchs: eines der besten Frühjahrskräuter für die Reinigung von Leber, Blut und dem gesamten Verdauungs-System. Sehr empfehlenswert bei hohen Blutdruck, mit verjüngendem Effekt auf die Arterien und auf unser Herz-Kreislauf-System. Die Tibetische Medizin empfiehlt es ebenfalls für die Verjüngung des gesamten Organismus (Dr. Nida Chenagtsang, 2016, mündliche Unterweisung) und für die Harmonisierung bei rLung (Wind) Ungleichgewichten: zum Beispiel bei Schlaflosigkeit (The Quintessence Tantra, the Secret Oral Tradition of the Eight Branches of the Science of Healing, sixteenth chapter, on the priniciples of diet)

     

     

    Anmerkung zum Rezept: Veganer können Milch oder Butter ersetzen, z.B. durch Kokosmilch und Olivenöl. Aber: zu viel Kokosmilch oder Kokosöl (Blog-Post folgt) ist aus Sicht der TTM nicht ratsam. Und hier das köstliche Rezept:

     

    Rezept

    Vorbereitung: 10 min, Kochzeit: 25 min.

    Zutaten

    •  Zwei großzügige Handvoll junge Brennnesselspitzen und zarte Stiele (erst blanchiert und dann grob gehackt (Blanchieren sollte man immer, dann behalten die Blätter ein wunderbares Grün und die Suppe bekommt eine schöne Farbe).
    • Zwei großzügige Handvoll Bärlauch (aus dem Bio Laden oder selber anpflanzen).
    • 1 Lauch, gewaschen und fein geschnitten
    • 1 EL Butter oder Olivenöl (natives Olivenöl nur bis 180° erhitzen!)
    • 1 Zwiebel, geschält und gewürfelt
    • 3 Kartoffeln, dünn geschält und gewürfelt
    • 1 Liter Gemüsebrühe (frisch, wenn möglich, aber ich habe auch immer etwas eingefroren)
    • Frisch gemahlener Pfeffer
    • Messerspitze Muskatnuss (Muskat ist wunderbar für Schlaflosigkeit – aber nur in sehr kleinen Mengen verwenden!)
    • Himalaya Salz

     

    Methode:

    🌿 Spüle mit kaltem Wasser füllen, fügen Sie einen großen Esslöffel Salz hinzu. Küchenhandschuhe anziehen, die Brennnesseln darin gründlich waschen.

    🌿 Bärlauch separat waschen und dünn schneiden.

    🌿 Die Butter in einem großen Topf schmelzen und Zwiebel und Lauch hinzufügen. Sanft kochen bis die Zwiebel glasig und der Lauch weich ist.

    🌿 Kartoffeln und Muskatnuss zufügen und etwa 5 min weiter kochen. Alles mit der Gemüsebrühe löschen, Hitze reduzieren, Topf bedecken und etwa 20 min Kochen bis die Kartoffeln zart sind. Falls nötig etwas mehr Wasser hinzufügen.

    🌿 In der Zwischenzeit die Brennnesseln vorbereiten. Die gewaschenen Brennnesseln in kochendem Wasser kurz blanchieren und danach in Eiswasser abschrecken. Abtropfen lassen.

    🌿 Wenn die Kartoffeln weich sind, die Suppe im Mixer rühren bis die Konsistenz cremig ist. Brennnesseln und Bärlauch zufügen und weiter einige Minuten mixen, bis eine cremige Konsistenz erreicht ist.

    🌿 Zum Abschmecken: Salz und gemahlenen Pfeffer nach Geschmack. Auch nach Geschmack Shiro Miso einrühren und milden Yoghurt (für Vegane geht auch Kokos-Yoghurt) oder wer unbedingt möchte Crème fraîche nach Geschmack.

    🌿 Topping: Fein gehackter Bärlauch und Gomasio.

    Bon appétit!

     

    Auszug aus:
    Milarepa’s song to the girl Paldarbum

    Listen here, you lay girl Paldarbum,
    Listen well, you rich and dedicated maiden.

    Since it was easy to meditate like the sky,
    The clouds are the sky’s magical display,
    So let them be as the very state of the sky,
    Since it was easy to meditate like the sun and moon,
    The planets and stars are the sun and moon’s magical display,
    So let them be as the very state of the sun and moon.

    Since it was easy to meditate like the mountain,
    The bushes and trees are the mountain’s magical display,
    So let them be as the very state of the mountain.

    Since it was easy to meditate like the ocean,
    The waves are the ocean’s magical display,
    So let them be as the very state of the ocean.

    Since it was easy to meditate with your mind,
    The thoughts are the mind’s magical display,
    So let them be as the very state of your mind.
     

     

    20. April 2017 0 comment
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